Eine Schweißflut über Koh Kood

Mir ist gerade ganz schön übel! Was ich gerade beendet habe, ist in Deutschland alles kein Problem, doch hier so unglaublich anstrengend – ein Workout von 20 Minuten. Ich sage dir, danach war ich nasser am ganzen Körper als nach einer Dusche. Hier in Koh Kood fühlt es sich mehr an wie Ankommen anstatt als Reisen. Aber in den vier Tagen, die ich bisher hier bin, ist noch deutlich mehr geschehen.

Same Same But Different

Das ist hier in Thailand so eine Redensart. Alles beim Alten und doch alles anders. So ungefähr hat sich der erste Tag auf dieser ursprünglichen Insel mit ihren weißen Sandstränden und kaum befahrenen Betonplattenstraßen durch undurchdringlichen Dschungel. Der erste Tag seit 3 Jahren. Das erste Mal war ich hier vor vier Jahren. In dem offenen Pickup zu sitzen, der mich zum COFFEEAT bringen würde, war ein sehr vertrautes Gefühl. Ich sah aber auch, dass an vielen Stellen neu gebaut wurde. Nach all der Zeit natürlich fast selbstverständlich, doch gerechnet habe ich damit nicht. Dennoch erinnerte ich mich schnell an all die Läden an all den Kurven und Hügeln. Nur war alles so viel leerer. Corona hatte deutliche Spuren hinterlassen.

Ich erinnerte mich auch an die Zeit damals, als ich meinen Unfall hatte. Da war ich selten gut gelaunt und oft mürrisch und traurig. Das tat mir in dem Moment leid, doch ich will es dieses Mal besser machen. Und ohne Verletzung klappt das sicher auch viel einfacher. Als ich nach einem kurzen Gespräch direkt zu einem Strand fuhr, wurde ich überrascht von einem verlassenen Ort, der damals noch florierte. Es sah aus wie in einem Film – Holzhütten, die schon fast vollständig von wilden Schlingpflanzen verschlungen waren, Grillenzirpen und in der Ferne der Ruf eines Vogels, der typisch für den Dschungel ist. Auch der Strand dort war komplett verlassen, obwohl keine hundert Meter entfernt noch ein Resort geöffnet war. An dem Tag war ich der einzige dort und um wenigstens ein bisschen Spaß zu haben, folgte ich dem langen Sandstrand eine Weile, ließ die Krabben neugierig um mich herumkrabbeln und wich den langsameren Einsiedlerkrebsen aus. Nicht zuletzt schmiss ich mich ins Wasser und kämpfte eine Weile gegen die hohen Wellen.

Zum Sonnenuntergang waren wir am Tinkerbell Beach (ja, hier in Koh Kood sind einige Orte nach Peter Pans Geschichte benannt).

Jah und Jai und Rosso

Wir – das waren Jah, Jai und ich. Jah ist meine Thai Mama, die mir vor 4 Jahren bei meiner Verletzung half, voller Geduld und Nächstenliebe. Ich verdankte ihr nicht nur die Möglichkeit, die damalige Reise fortsetzen zu können, sondern auch die Tatsache, dass diese traumhaft schöne Insel zu meinem zweiten Zuhause wurde. Sie hat eine sagenhafte Geschichte hinter sich, voller Leid und ebenso viel Hoffnung und Zuversicht. Ihr Mut und ihr gefestigter Glaube, dass es das Leben gut mit uns Menschen meint, fasziniert mich, seit ich sie kenne. Seit 6 Jahren hat sie nun ihr COFFEEAT, ein Café, in dem es den besten Kaffee der Insel gibt, in dem man aber auch essen, übernachten oder Wäsche waschen kann. Die meiste Zeit hat sie dieses Geschäft komplett alleine betrieben. Du kannst dir sicher vorstellen, wie das in der Hochsaison war, wenn Jah alle der Aufgaben allein erledigen musste.

Anfang des Jahres heiratete sie Thomas, einen Deutschen, der sie unterstützt, seit er sie kennt. Ohne ihn hätte Jah das COFFEEAT aufgrund Corona wohl aufgeben müssen. Mit seiner Hilfe baut sie gerade ein zweites Café auf und ihre Ideen und ihr Schöpfermut nehmen kein Ende. Sie hat viele Pläne und ich kann mir vorstellen, dass sie Stück für Stück real werden.

Jai (die Kurzform von Pijai) habe ich dieses Mal zum ersten Mal getroffen. Sie ist Jahs Cousine, die nun – da Jah sich auf das neue Café konzentrieren will – das COFFEEAT übernehmen soll. Sie ist ein so unglaublich positiver Mensch, der sich über so viele Kleinigkeiten so sehr freuen kann, dass es mich mitreißt. Wir haben zum Beispiel bei der Kokosnussaktion echt viel gelacht, weil sie so emotional wurde, dass sie über sich selbst lachen musste. Als ich Müll sammeln ging, war sie sofort Feuer und Flamme und wollte beim nächsten Mal auf jeden Fall mitkommen. Das kenne ich von den Thais sonst nicht so. Heute fährt sie für 7 Tage meditieren, um in ihrem Leben weiterzukommen. Ich bin gespannt, mit was für Erkenntnissen sie zurückkommt.

Vorher haben wir noch ein Video von Pijais Kochkünsten aufgenommen.

Rosso ist der liebste Hund hier im „Viertel“ und war schon damals sehr stark mit mir verbunden, wobei er vermutlich zu kaum einem Menschen eine wirklich tiefe Bindung eingeht. Aber damals schlief er jeden Abend vor meinem Zimmer und wenn ich hier bin, hält er sich sehr gern im COFFEEAT auf. Er hat auch ein schwaches Bein, genau wie ich nach der Verletzung. Ich befreie ihn gern von Zecken, aber dieses Mal scheint er auch anderes Ungeziefer in seinem dicken Fell zu verstecken. Ich fand nur eine normale Bürste, mit der ich ihm kaum helfen kann. Dennoch habe ich ihn lieb und kraule ihn, so oft ich kann.

Ein Wasserfall, drei Tüten Müll und sieben Kokosnüsse

Eines der Highlights der ersten vier Tage auf Koh Kood ist definitiv der Besuch des Khlong Chao Wasserfalls, bei dem ich beobachten konnte, wie ein Schwarm weißgelber Schmetterlinge die nassen Fußabdrücke der Besucher leertrank. So etwas hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Am meisten fasziniert mich die Lautlosigkeit, mit der das alles geschah. Schmetterlinge sind so lebhaft, aber absolut still. Wie ich finde ein krasser Kontrast.

An einem anderen Tag war ich Müll sammeln. Mal wieder. Es war derselbe Strand wie damals, nur dass er jetzt total anders aussah. Von weitem war weit und breit kein Müll zu entdecken, doch bei genauerem Hinsehen fand sich ein Haufen Plastikflaschen und mehr bunt leuchtender Kram am Übergang vom Sand zum pflanzenbewachsenen Areal. Also kam ich mit drei Müllsäcken zurück und begann zu sammeln. Es waren geschätzte 50 Meter, nach denen die drei Säcke bereits bis oben gefüllt waren. Wohl gemerkt an einem Strand, der auf den ersten Blick sauber wirkte. Am meisten sammelte ich Plastikflaschen, aber auch viele Latschen und mehrere Strohhalme landeten in den Säcken. Kurioserweise fanden sich sogar ein Boxhandschuh und eine Malerrolle. Dazu habe ich mir eine Geschichte einfallen lassen, wie es sein kann, dass solche Gegenstände irgendwo auf einer Insel stranden. Diese Geschichte kannst du bald hier lesen.

Dieses Foto entstand einen Tag nach der Müllsammelaktion – das Resort hat den Müll einfach an eine versteckte Stelle abgeladen. Das hat mich hart schockiert. Ich suche nun nach einem Weg, den Müll zuverlässig loszuwerden.

Wieder mal tropfte der Schweiß nur so von meiner Stirn, obwohl ich gar nicht viel machte und die Sonne hinter Wolken versteckt war.

Als ich noch eine aufgesammelte Styroporbox mit Flaschen und weiterem Styropor beladen hatte, brachte ich den Müll zum anliegenden Resort, wo mir versichert wurde, dass sie die Tüten ordentlich entsorgen. Denn sicher bin ich mir absolut nicht, ob die Tüten nicht letzten Endes doch wieder im Meer landen. Die Kette vom Müll am Strand, über die Müllentsorgung des Resorts zur Abholung durch das Müllauto endet in meinem Kopf beim Müllauto. Ich weiß leider bisher nicht, ob der Müll ans Festland gebracht wird oder direkt auf der Insel verbrannt oder anderweitig entsorgt wird.

Das dritte Highlight war das Kokosnusspflücken mit Jai. Während sie das ganze Spektakel super euphorisch mit Handy begleitete, kämpfte ich mit dem Stab, der die Kokosnüsse lockern sollte, und mit der Palme, die diese Kokosnüsse nicht hergeben wollte. Der Stab war dabei ein für seine Länge recht leichter Stab. Schwierig war es, weil der Hebel am Ende, das ich festhalte, so kurz war, dass ich nahezu den gesamten Stab anheben musste. Hinzukam, dass die Kokosnüsse sehr fest an der Palme hingen und ich sehr viel Kraft für das Reißen mit dem Haken am Ende des Stabes aufwenden musste. Alles in allem habe ich aber sieben Kokosnüsse ernten können. Nur war es damit nicht getan. Als das am schwierigsten zu verarbeitende natürliche Lebensmittel eingestuft, wollte ich wenigstens eine Kokosnuss öffnen. Mit einem Hackebeil ging das an einer frischen Kokosnuss noch sehr einfach. Wir probierten es auch an einer braunen, die schon eine Weile auf dem Boden lag. Diese sind auch essbar. Während die grünen, frischen von der Palme sehr weiches Fruchtfleisch und sehr viel Kokoswasser beinhalten, haben die braunen sehr viel mehr Fruchtfleisch, welches härter ist und vom Geschmack stark an Kokosraspeln erinnert. Manche der braunen Kokosnüsse beinhalten sogar ein kleines Kokosbällchen, das sehr süß schmeckt.

Auch nach dieser Aktion war ich von Schweiß überströmt. Meine Muskeln zitterten und ich brauchte erstmal eine Dusche.

Fast scheint es so, als wäre diese Insel so heiß und tropisch, dass man nichts tun kann, außer am Strand zu liegen und das Leben zu genießen. Ich glaube, das ist das Einzige, das ich bisher noch nicht gemacht habe. Dafür habe ich aber wertvolle Erfahrungen sammeln können und traf das Leben in seinen vielfältigen Facetten.

Weil ich bisher kaum die Kamera in der Hand hatte, möchte ich viel lieber ein Video teilen, das die ersten Eindrücke von Koh Kood gut rüberbringt und die hier geschilderten Aktionen nochmal visuell unterstützt. Viel Spaß beim Schauen.

Hier geht’s zum YOUTUBE VIDEO!

2 Gedanken zu “Eine Schweißflut über Koh Kood

  1. Wow, einfach wow, mein Mund ist offen, der Kiefer auf Höhe meines Spannbodenbelages! Das alles zu lesen gibt ein einmaliges Gefühl und dieser Text ist anders als jeder zuvor. Er ist noch wärmer, noch intensiver und er lässt schlüssig auf ein Wort verweisen. Ein Wort, welches viele Zweige hat, aber nur sehr wenige Wurzeln, wenn nicht sogar nur eine tiefe und feste Wurzel. Du schreibst in diesem Blog so unglaublich „Final“ als ob da was zu Ende geht, oder nein, als ob da was ankommt, nämlich du! Es beschreibt Heimat. Du bist Zuhause, dein zweites.

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